Montag, 23. April 2012

Das seegestützte Raketensystem der USA und der NATO bedroht Russland

Auch der russische Sicherheitsexperte Vladimir Kozin warnt die USA und die NATO vor dem weiteren Ausbau ihres Raketenabwehrschildes in Europa.

In unmittelbarer Nachbarschaft Russlands wird ein ausgeklügelter, mehrschichtiger, gestaffelter Raketenabwehrschild errichtet

Von Vladimir Kozin
Strategic Culture Foundation and Stop NATO
Global Research, 31.03.12

Das Hauptziel der ersten Phase des European Phased Adaptive Approach / EPAA (des phasenweise angepassten Aufbaus eines Raketenabwehrschildes für Europa, s. hier) ist die Erlangung der Fähigkeit, ballistische Raketen von kurzer, mittlerer und sogar etwas längerer Reichweite (von 3.000 bis 5.500 km) abfangen zu können – durch die Verlegung des globalen, integrierten, multifunktionalen, seegestützten Aegis-Abwehrsystems (s. hier) mit seinen Raketen vom Typ SM-2 und SM-3 vor die Küsten Europas.

Karikatur: Walentin Druschinin, Russland/Ukraine
Die USA sind seit langem bei der Entwicklung seegestützter Raketenabwehrsysteme führend. Anfang 2012 besitzt die US-Navy 24 mit dem Aegis-System ausgestattete Kriegsschiffe (5 Kreuzer der Ticonderoga-Klasse und 19 Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse). Nach dem auf 30 Jahre (2011-2041) angelegten US-Schiffsbauprogramm sollen insgesamt 84 Schiffe mit dem Aegis-System ausgerüstet werden: 10 von 22 Kreuzern und praktisch alle 74 Zerstörer.

Ein mit dem Aegis-System ausgestatteter Kreuzer der Ticonderoga-Klasse oder ein Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse kann bis zu 30 SM-2 oder SM-3 Abwehrraketen verschiedener Modifizierungen abfeuern. Eine auf 84 Schiffe angewachsene "Abfänger-Flotte" könnte also über 2.500 Abfangraketen verschießen.

In unmittelbarer Nachbarschaft Russlands wird ein ausgeklügelter, mehrschichtiger, gestaffelter Raketenabwehrschild errichtet, der sich über Europa und Asien erstreckt. Sein spezifisches Hauptmerkmal ist seine enge Abstimmung auf das taktische und strategische Atomraketen-Potenzial der USA und der NATO, die in jeder internationalen Krisensituation zum Tragen käme.

Als Ergebnis ihres Treffens, das am Rande des Atomgipfels in Seoul stattgefunden hatte (s. hier), mussten Dmitri Medwedew und Barack Obama gemeinsam feststellen, das es Ihnen nicht gelungen ist, beim brennendsten ungelösten Problem mit globalen Auswirkungen – beim Aufbau eines von Russland, den USA und der NATO gemeinsam betriebenen Abwehrschirmes gegen ballistische Raketen – also bei der Ballistic Missile Defense / BMD für Europa, voranzukommen.

Der US-Präsident hat um "etwas Zeit" bis nach der Präsidentenwahl gebeten (weitere Infos hier). Er deutet auch an, dass er im Falle seiner Wiederwahl im November bezüglich der bilateralen Zusammenarbeit bei der Raketenabwehr "mehr Flexibilität" zeigen könnte.

Dmitri Medwedew und Barack Obama vereinbarten, in den nächsten sechs bis acht Monaten unter Beteiligung technischer Experten weitere Konsultationen, aber keine direkten Verhandlungsgespräche durchzuführen. Im Grunde blieb das Treffen so ergebnislos, wie die Gespräche, die im November 2011 in Honolulu geführt worden waren und den russischen Präsidenten zu der aufsehenerregenden Erklärung veranlasst hatten, als Antwort auf die Errichtung des europäischen Raketenabwehrschildes der USA und der NATO, die Russlands Sicherheitsinteressen ignoriere, werde er entsprechende militärisch-technische Gegenmaßnahmen veranlassen. (s. hier).

Es ist noch immer nicht bekannt, wie ernsthaft Washington mit Russland über die europäische Raketenabwehr sprechen will. Die Ende letzten Jahres aufgekommene Hoffnung, es könnte zu einer konkreten Vereinbarung zwischen Moskau und den USA kommen, ist nach dem Treffen in Seoul und vor dem nächsten NATO-Gipfel, der im Mai in Chikago stattfindet, fast erloschen.

Es sieht so aus, als wolle Washington nur Zeit schinden, um weiterhin ungestört die Errichtung des Raketenabwehrschildes auf dem europäischen Kontinent und darüber hinaus fortsetzen und die Vertagung einer Vereinbarung mit Russland zu seinem Vorteil nutzen zu können. Die Pläne (für den Raketenabwehrschild) wurden ja schließlich schon vor längerer Zeit entwickelt und beschlossen.

Erstens ist es noch nicht entschieden, ob Barack Obama überhaupt Staatsoberhaupt und Oberkommandierender der US-Streitkräfte bleibt und wie er sich nach seiner Wiederwahl in Bezug auf die Raketenabwehr verhalten würde. Könnte er nicht einfach seine gegenwärtige "Verschleppungstaktik" fortsetzen?

Zweitens, was würde geschehen, wenn ein Republikaner die Wahl gewinnt? Fast alle republikanischen Senatoren haben sich gegen Änderungen bei der geplanten Raketenabwehr und gegen eine entgegenkommende Vereinbarung mit Russland ausgesprochen. Erst kürzlich haben 43 von 47 republikanischen Senatoren einen warnenden Brief unterzeichnet, in dem sie Obama mitteilen, dass sie keine Einschränkungen bei der Raketenabwehr hinnehmen wollen, falls die gegenwärtige Regierung Pläne dafür vorlegen werde.

Wir sollten uns auch daran erinnern, dass Barack Obama während der Beratungen über die Ratifizierung eines neuen Vertrages zur Reduzierung strategischer Waffen / New START den Senatoren versichert hat, dass er keinesfalls eine "qualitative oder quantitative" Beschränkung der BMD-Pläne oder der nationalen Sicherheit der USA zulassen werde.

Die erste Phase des Plans für einen European Phased Adaptive Approach / EPAA (einen phasenweise angepassten Aufbau eines Raketenabwehrschildes für Europa) wurde 2011 erfolgreich realisiert; damit ist die Grundlage für den weiteren Aufbau (des Raketenabwehrschildes) gelegt (weitere Informationen dazu hier).

Das Hauptziel der ersten Phase des EPAA ist die Erlangung der Fähigkeit, ballistische Raketen von kurzer, mittlerer und sogar etwas längerer Reichweite (von 3.000 bis 5.500 km) abfangen zu können – durch die Verlegung des globalen, integrierten, multifunktionalen, seegestützten Aegis-Abwehrsystems mit seinen Raketen vom Typ SM-2 und SM-3 vor die Küsten Europas.

Die USA sind seit langem bei der Entwicklung seegestützter Raketenabwehrsysteme führend. Anfang 2012 besitzt die US-Navy 24 mit dem Aegis-System ausgestattete Kriegsschiffe (5 Kreuzer der Ticonderoga-Klasse und 19 Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse). Nach dem auf 30 Jahre (2011-2041) angelegten US-Schiffsbauprogramm sollen insgesamt 84 Schiffe mit dem Aegis-System ausgerüstet werden: 10 von 22 Kreuzern und praktisch alle 74 Zerstörer.

Die seegestützte Komponente der Raketenabwehr gewinnt in der gesamten Raketenabwehr-Architektur ständig an Bedeutung. Die bestehenden Pläne sehen eine Steigerung der Anzahl von SM-3 Abfangraketen von 111 im Jahr 2011 auf 436 im Jahr 2015 und auf 515 im Jahr 2020 vor – nicht erst im Jahr 2050, wie einige russische Experten meinen! Ein mit dem Aegis-System ausgestatteter Kreuzer der Ticonderoga-Klasse oder ein Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse kann bis zu 30 SM-2 oder SM-3 Abwehrraketen verschiedener Modifizierungen abfeuern. Eine auf 84 Schiffe angewachsene "Abfänger-Flotte" könnte also über 2.500 Abfangraketen verschießen.

Im Rahmen der EPAA-Planung wurden in der ersten Phase bereits Kommando- und Kontrolleinrichtungen geschaffen, Frühwarnsysteme ausgebaut und neue Radaranlagen installiert. Im Unterschied zu anderen militärischen Programmen ist die Raketenabwehr in den USA und in Europa nicht von Budgetkürzungen betroffen, die Ausgaben dafür werden sogar weiter wachsen.

Außer Washingtons NATO-Partnern Großbritannien, Spanien, den Niederlanden, Polen und Rumänien beteiligen sich auch andere Verbündete an dem Programm. Zum Beispiel hat Japan, ein (angeblich) neutraler Staat, der schon lange zur westlichen Allianz zu rechnen ist, mit neuen technologischen Erkenntnissen zur Verbesserung (der Treffsicherheit) der Abfangraketen beigetragen. Die USA haben die (japanische) Technologie erfolgreich zu ihrem Vorteil genutzt. Auch Australien und Südkorea sind als langfristige Partner an der Raketenabwehr beteiligt.

In unmittelbarer Nachbarschaft Russlands wird ein ausgeklügelter, mehrschichtiger, gestaffelter Raketenabwehrschild errichtet, der sich über Europa und Asien erstreckt. Sein spezifisches Hauptmerkmal ist seine enge Abstimmung auf das taktische und strategische Atomraketen-Potenzial der USA und der NATO, die in jeder internationalen Krisensituation zum Tragen käme.

Unter diesen Umständen muss Russland bei der Verteidigung seiner nationalen Sicherheitsinteressen eine härtere und entschlossenere Haltung einnehmen. Washingtons Versuche, Diskussionen über taktische Atomwaffen in die Verhandlungen über die Raketenabwehr einzubeziehen, sollten zurückgewiesen werden. Die Errichtung eines Raketenabwehrschildes, an dem neben NATO-Partnern auch US-Verbündete im asiatisch-pazifischen Raum beteiligt sind, sollte hingegen Teil künftiger Gespräche über eine weitere Reduzierung der strategischen Waffen werden.

Außerdem sollte Russland als Reaktion auf das Vorgehen der USA seine militärisch-technischen und diplomatisch- politischen Gegenmaßnahmen beschleunigen, falls Washington nicht endlich begreift, welche Gefahr für die Welt es heraufbeschwört, wenn es weltweit Komponenten seines Raketenabwehrschildes installiert, um die strategische Wirksamkeit der US-Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen zu erhöhen (weil damit die nach einem US-Erstschlag noch gestarteten russischen Interkontinentalraketen abgefangen werden könnten). Die langjährige Erfahrung aus Abrüstungsgesprächen besagt doch, dass Washington die höfliche Sprache der Diplomatie nicht versteht, sondern nur auf praktische militärisch-technische Aktionen reagiert, die ihm zeigen, dass auch seine eigene Sicherheit bedroht ist.

Wenn sich technische Experten aus Russland und aus den USA bis zum Ende dieses Jahres über einzelne Aspekte des Raketenabwehrschildes unterhalten, wäre es doch sinnvoll, dem Weißen Haus – falls das noch nicht geschehen ist – folgenden Vorschlag zu machen: Der weitere Ausbau des europäischen Raketenabwehrschildes der USA und der NATO sollte so lange ausgesetzt werden, bis die Arbeit der Experten getan ist. Das würde deren Bemühungen sicher befruchten.

Vladimir Kozin ist ein führender Experte des Russischen Institutes für Strategische Studien / RISS und Mitglied des Expertenrates der unter Vorsitz des Präsidenten der Russischen Föderation tagenden Arbeitsgruppe zu den Auswirkungen der NATO-Raketenabwehr.

Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

1 Kommentar:

  1. Sehr guter Artikel! Mit vielen neuen Infos für mich. Für Leute, die sich ähnlich wie ich erst langsam an das Thema Russland herantasten müssen, habe ich eine wirklich interessante Seite, die das nötige Hintergrundwissen liefern kann: http://www.die-russische-frage.de/die-russische-gesellschaft

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